{"id":8,"date":"2016-09-30T17:58:31","date_gmt":"2016-09-30T17:58:31","guid":{"rendered":"http:\/\/freunde-historischer-faltboote.de\/?p=8"},"modified":"2017-12-10T22:01:34","modified_gmt":"2017-12-10T22:01:34","slug":"neue-veranstaltung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freunde-historischer-faltboote.de\/?p=8","title":{"rendered":"Besuch bei Horst Hartung 2014"},"content":{"rendered":"<p><strong>HORST\u00a0 HARTUNG\u00a0 &#8211;\u00a0 EIN\u00a0 LEBEN\u00a0 F\u00dcR\u00a0 DEN\u00a0 BOOTSBAU<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die &#8222;Freunde historischer Faltboote e. V.&#8220; besuchten am 5. Oktober 2014 den 87-j\u00e4hrigen Horst Hartung, Jahrgang 1927. Er ist einer der letzten deutschen (Falt)Bootbauer, dessen Arbeiten Ma\u00dfst\u00e4be im Bootsbau gesetzt haben. Horst Hartung ist geistig und k\u00f6rperlich jung geblieben. Zwar h\u00f6rt er schon etwas schwer, und Gleichgewichtsst\u00f6rungen lassen ihn manchmal zum Stock greifen. Doch seine Energie ist ungebrochen.<\/p>\n<div id=\"attachment_103\" style=\"width: 1290px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-103\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-103\" src=\"http:\/\/freunde-historischer-faltboote.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Hartung_2014_04-2.jpg\" alt=\"\" width=\"1280\" height=\"853\" srcset=\"https:\/\/freunde-historischer-faltboote.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Hartung_2014_04-2.jpg 1280w, https:\/\/freunde-historischer-faltboote.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Hartung_2014_04-2-300x200.jpg 300w, https:\/\/freunde-historischer-faltboote.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Hartung_2014_04-2-768x512.jpg 768w, https:\/\/freunde-historischer-faltboote.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Hartung_2014_04-2-1024x682.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 1280px) 100vw, 1280px\" \/><p id=\"caption-attachment-103\" class=\"wp-caption-text\">Horst Hartung im Gespr\u00e4ch mit dem Verein<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Anf\u00e4nge<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit 14 Jahren, 1941, begann Horst Hartung seine Lehre als Modelltischler. Er erlernte nicht nur den Bau von Holz-Modellen f\u00fcr das Gie\u00dfereiwesen, sondern auch wichtige Grundlagen der Metall- und Holzbearbeitung; wie anspruchsvoll die Arbeit war, sieht man daran, dass der Lehrling u. a. Zylinder f\u00fcr Lokomotiven entwerfen musste.<\/p>\n<p>Den Jugendlichen f\u00fchrten die B\u00fccher Herbert Rittlingers zum Kanusport. Zus\u00e4tzlich zum knappen Lohn hatte er zur Konfirmation etwas Geld bekommen. Von diesem Kapital kaufte er sich mit Lehrbeginn einen Einer, ein &#8222;Sharpie&#8220; (ein Holzboot mit geradem Boden). Damals sa\u00dfen in Halle Dutzende Bootsh\u00e4user an der Saale; zur Kapitulation, als die Boote gez\u00e4hlt wurden, registrierte man allein im S\u00fcdteil von Halle 4500 (Holz)Boote! In einem der Bootsh\u00e4user fand sich auch ein Platz f\u00fcr sein Boot. Prompt legte der Jugendliche zusammen mit einem Freund im Hochwasser der Saale seine erste Kenterung hin. Jahrzehnte sp\u00e4ter l\u00e4chelt er: &#8222;Kentern habe ich oft gemacht, das war meine Spezialstrecke!&#8220;<\/p>\n<p>Durch seine Schwester, die schon w\u00e4hrend des Krieges Slalom fuhr, kam Horst Hartung zum Wildwasser und zum &#8222;Verein f\u00fcr Kanusport Halle von 1909&#8220; (VKH 09), dessen Vorsitzender damals Wilhelm Engelbrecht war. 1944 wurde der junge Modelltischler mit siebzehn (!) noch zu einer Spezialeinheit der Marine gezogen (vollj\u00e4hrig wurde man damals mit 21). Dort hielt er sich an einen Rat, den man ihm mitgegeben hatte: &#8222;Nimm jeden Lehrgang mit, den du kriegen kannst!&#8220; F\u00fcr die geforderte Qualifikation als Schiffszimmermann war noch gegen Kriegsende sogar ein Tauchlehrgang n\u00f6tig, den er auch ablegte. Das erworbene Wissen sollte sich auszahlen.<\/p>\n<p>Frisch aus der Gefangenschaft entlassen, paddelte der Zwanzigj\u00e4hrige im Sommer 1947 zusammen mit einem gleichaltrigen Freund, der im Krieg sein Bein verloren hatte, eine erste gro\u00dfe Tour. In L\u00fcbz startend, fuhren sie \u00fcber die Mecklenburger Seen, Waren und Rechlin (wo sie mit knapper Not der sowjetischen Wachmannschaft des Flugplatzes entkamen), dann die Havel abw\u00e4rts bis Magdeburg. Au\u00dferdem ging Horst Hartung noch im gleichen Jahr aufs Wildwasser, zun\u00e4chst mit einem &#8222;zusammengebastelten&#8220;, aber immerhin einem &#8222;richtigen&#8220; Faltboot. Sein Wissen als Schiffszimmermann lie\u00df ihn aber noch 1947\/48 mit dem Bau von Faltbooten f\u00fcr Slalomrennen anfangen. Dabei richtete er sich nicht nach vorgegebenen Ma\u00dfen, sondern nach eigenem Ermessen, wie Slalom gefahren werden muss. Und schon sein erstes Boot war gelungen! Auf der Zwickauer Wildwasserstrecke (siehe unten) fuhr er es schon vor 1950 im Wettkampf \u2013 und trug bei der Meisterschaft den Sieg davon. Daraufhin wurde er gefragt, ob er solche Boote in gr\u00f6\u00dferer St\u00fcckzahl bauen k\u00f6nne. &#8222;Als Modell nicht&#8220;, war die Antwort, doch schlie\u00dflich sagte er zu.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4><strong>Halle &#8211; Saale Faltbootbau<\/strong><\/h4>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit dem Bau des Bootes erhielt Horst Hartung, 23-j\u00e4hrig, den Gewerbeschein (&#8222;Es war eigentlich nicht \u00fcblich, f\u00fcr solche Projekte ein Gewerbe zu bekommen&#8220;). Er galt ab dem 1. 1. 1950. Die Belegschaft von &#8222;Halle-Saale Faltbootbau&#8220; (HSF) durfte dabei aber nicht mehr als 10 Besch\u00e4ftigte umfassen (Privatbetriebe wurden knapp gehalten). In den Folgejahren legte die Firma HSF die Grundlage daf\u00fcr, dass die DDR in den 50er und 60er Jahren des 20. Jh. f\u00fchrend in Wildwasser und Kanuslalom war.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der Not der Nachkriegszeit fehlte es an allem. &#8222;Ihr k\u00f6nnt euch nicht vorstellen, unter welchen Bedingungen wir damals gearbeitet haben!&#8220; Es gab z. B. nirgends Messingschrauben. Horst Hartung lie\u00df sich aus Rollen von Kupferdraht in einer Nagelfabrik in Naumburg Kupfern\u00e4gel schlagen. Immerhin hatte er bei seinen ersten Booten keinen \u00c4rger mit Nieten, weil in Halle bis Kriegsende die Siebel Flugzeugwerke standen. (Noch heute hat Horst Hartung Nieten von dort in der Werkstatt.) Das Holz kaufte er, nachdem er die Gewerbegenehmigung besa\u00df, von einem privaten Holzh\u00e4ndler und nutzte die Vorr\u00e4te einer Tischlerwerkstatt, deren Besitzer in den Westen geflohen war. Die Esche wurde auf einem Pferdefuhrwerk antransportiert, das er selbst entladen musste. F\u00fcr den Zuschnitt stand Horst Hartung von morgens bis abends an der Kreiss\u00e4ge. &#8222;Geh\u00f6rschutz? Gab\u2018s nicht. Man h\u00f6rte doch, dass sie sich dreht.&#8220; Einmal bekam er einen Stamm geliefert, der so voll Granatsplitter steckte, dass er, um sein S\u00e4geblatt zu erhalten, aufs Verarbeiten verzichten musste. Wie sich herausstellte, stammte die Esche aus dem W\u00f6rlitzer Park, in dem stark gek\u00e4mpft worden war, und die Stahlsplitter hatten das Holz f\u00f6rmlich durchsiebt. (Bezahlt werden musste der Baum trotzdem.)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Seine erste Bootshaut war eine Improvisation: In seiner Zeit bei der Kriegsmarine hatte er gummiertes Gewebe kennengelernt. Als Horst Hartung 1948 h\u00f6rte, dass es in Borsdorf bei Leipzig eine Beschichtungsfabrik f\u00fcr Linoleum g\u00e4be, fuhr er (schon die Fahrt war ein l\u00e4ngeres Abenteuer) mit einer Rolle irgendwo erhandeltem Segeltuch nach Borsdorf und verhandelte mit dem Direktor, das Tuch einseitig mit blauem PVC zu beschichten. Stolz schickte er das schwere St\u00fcck auf einem Pferdefuhrwerk nach Hause \u2013 und dabei wurde ihm die Rolle geklaut! Also musste er wieder nach Borsdorf und den Direktor \u00fcberreden. Diesmal holte er die Rolle pers\u00f6nlich ab und nahm sie im Personenzug mit (was bei den selten fahrenden, \u00fcberf\u00fcllten Nachkriegsz\u00fcgen eine eigene Leistung gewesen sein d\u00fcrfte). &#8222;Es war eine b\u00f6se Zeit!&#8220;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Einer seiner Bekannten war Werkzeugmacher in der Schuhfabrik Wei\u00dfenfels. Er baute f\u00fcr Horst Hartung Werkzeuge, z. B. f\u00fcrs Stanzen. Ein anderer arbeitete in einer Gie\u00dferei, die Aluminiumteile goss. Also entwickelte Horst Hartung schnell einen Beschlag, der dort gegossen werden konnte. Das im SL 58 verwendete Blech wurde sp\u00e4ter nicht mehr verbaut, da Horst Hartung nach 1958 kein Blech mehr bekam. &#8222;Es gab nichts &#8211; man musste nehmen, was es gab.&#8220; Sp\u00e4ter bekam er zu seiner Freude Aluminiumblech zum Verarbeiten, doch war dieses so weich, dass es sich nicht schneiden lie\u00df. Noch heute liegt irgendwo in seiner Werkstatt ein Sack mit Aluminiumwinkeln. &#8222;Das kann man heute alles nicht mehr nachvollziehen!&#8220;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Horst Hartung hielt von Anfang an engen Kontakt zu den Leistungssportlern. Er selbst war ja auch ein erfolgreicher Slalomfahrer: mehrere Jahre fuhr er in der DDR-Nationalmannschaft F1. So nahm er am &#8222;Interzonalen St\u00e4dtewettkampf im Kajak-Slalom&#8220; 1949 in Jena, an einer Gesamt-Deutschen Meisterschaft in Baden-Baden und an der Gesamtdeutschen Meisterschaft 1953 in M\u00fcnchen teil.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Den 17. Juni 1953 erlebte Horst Hartung im Trainingslager an der Wildwasserstrecke in Kahla (Saale). Ihn &#8222;interessierte mehr das Drumherum&#8220;. Erst als er nach Hause zu seinem Betrieb wollte, wurde er von seinem Partner im C II, Herrn Vogt, politisch bearbeitet: &#8222;mit Herrn Vogt war nicht gut zu reden&#8220;. &#8211; 1956, mit 29 Jahren, beendete Horst Hartung seine Sportlerlaufbahn, ohne jedoch dem Paddeln ade zu sagen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als Modelltischler machte Horst Hartung keine Zeichnungen, sondern Aufrisse auf Sperrholz. Viele Modelle entstanden so, auch individuell. 1961 z. B. fanden auf der Roten Wei\u00dferitz im Rabenauer Grund bei Dresden die Wildwasser- und Kanuslalom-Weltmeisterschaften statt, und Horst Hartung baute den DDR-Startern die Boote daf\u00fcr. Die Aufgabe war anspruchsvoll, weil die Boote unter 10 kg wiegen sollten, was Hartung durch ein Gestell aus Aluminium und eine extra d\u00fcnne Haut erreichte. Dazu baute er die Boote nicht nach der Stange, sondern schneiderte sie den Fahrern &#8222;auf den Leib&#8220;! Sprich: auf den Hintern. Es muss eine Gaudi gewesen sein, als die jungen Frauen sich auf der Zuschneideplatte seiner Werkstatt mit der Hose auf die Folie setzen mussten, die \u00fcber den Gipseimer gedeckt war. &#8222;Der Fez mit den Leuten!&#8230; Und dann reichte der Gips nicht, man musste nachholen!&#8220; Nach ihren K\u00f6rperma\u00dfen baute Horst Hartung die Boote, in denen Anneliese Bauer den ersten Platz im Wildwasserrennen und die Silbermedaille im Kanuslalom und Eva Setzkorn den dritten Platz im Wildwasserrennen errangen. Das Boot Eva Setzkorns, von Horst Hartung wegen der Bootsma\u00dfe &#8222;Jungfer&#8220; genannt, liegt heute in der Sammlung Bernd Rabes in Werdau (Bernd Rabe hat auch weitere Informationen zu Leben und Werk Horst Hartungs).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Kanuslalom-Weltmeisterschaften 1963 auf der Drau in Spittal (\u00d6sterreich) waren die letzten, auf denen noch (Hartung)Faltboote starteten. Ab diesem Jahr stellte Horst Hartung &#8211; als einer der ersten \u00fcberhaupt &#8211; seine Produktion auf GFK-Boote um, die bis 1991 gebaut wurden (&#8222;Glasfaserverst\u00e4rktes Polyester \/ GFK&#8220; ist der bundesdeutsche Begriff f\u00fcr dieses Material; in der DDR und ihren Ver\u00f6ffentlichungen hie\u00df es &#8222;Glasfaserverst\u00e4rktes unges\u00e4ttigtes Polyester \/ GUP&#8220;). Bis 1989 fuhren die Wildwassermannschaften der DDR mit Hartung-Booten. Einzige Ausnahme war Siegbert Horn, der bei den Olympischen Spielen 1972 in einem Prijon-Boot antrat und darin die Goldmedaille im Kanuslalom errang.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als privater Handwerksbetrieb war die Zahl der Boote, die Horst Hartung herstellen durfte, reglementiert: man durfte nicht mehr als sechs Boote pro Jahr und insgesamt nur 50 St\u00fcck pro Serie bauen. Horst Hartung gibt die Zahl der produzierten SL 58 mit 200 St\u00fcck an. Sie kosteten 485 DDR-Mark (f\u00fcr die damalige Zeit eine hohe Summe; mehr dazu unten). Nach dem Slalomeiner SL58 war der Absatz nicht mehr gew\u00e4hrleistet, da die Gruppe der Slalomfahrer \u00fcberschaubar blieb (und dies das letzte Hartung-Faltboot werden sollte). Hartung lieferte deshalb viele Boote in die Sowjetunion, mindestens dreimal, wohl insgesamt 150 Boote. Trotz der geringen Produktionsziffern erhielt der Betrieb mehrere Auszeichnungen f\u00fcr seine Produkte; so erhielten seine Boote auf der Leipziger Messe 1973 eine Goldmedaille. &#8222;Hartungs&#8220; waren Exportartikel bis nach Kanada!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_107\" style=\"width: 1290px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-107\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-107 size-full\" src=\"http:\/\/freunde-historischer-faltboote.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Hartung_2014_08-2.jpg\" alt=\"\" width=\"1280\" height=\"853\" srcset=\"https:\/\/freunde-historischer-faltboote.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Hartung_2014_08-2.jpg 1280w, https:\/\/freunde-historischer-faltboote.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Hartung_2014_08-2-300x200.jpg 300w, https:\/\/freunde-historischer-faltboote.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Hartung_2014_08-2-768x512.jpg 768w, https:\/\/freunde-historischer-faltboote.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Hartung_2014_08-2-1024x682.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 1280px) 100vw, 1280px\" \/><p id=\"caption-attachment-107\" class=\"wp-caption-text\">Horst Hartung und Jochen F\u00f6rster, zwei gute Freunde, sie haben die Firma bis Anfang der 90iger Jahre geleitet.<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zugleich reparierte der Betrieb zu DDR-Zeiten neben Hartung-Booten auch H\u00e4ute f\u00fcr die Firma Pouch: HSF vern\u00e4hte Oberdecks neu, deren Baumwollfaden durch falsche Lagerung im Winter weggefault war. F\u00fcr manche Reparaturen mussten ganze H\u00e4ute neu gefertigt werden. &#8222;Es gab viel \u00c4rger mit Pouch&#8220;. Als Beispiel sei genannt, dass Pouch bei seinen Hautlieferungen immer &#8222;durch 5,5 teilbar&#8220; angab, aber die Beschichtungswerte nur weniger als 1,20 m brachten. Horst Hartung brauchte lange, um den Grund zu ermitteln: der Stoff, den das Beschichtungswerk geliefert bekam, war nicht breit genug, so dass er zun\u00e4chst auf die n\u00f6tige L\u00e4nge gespannt wurde. Statt ihn danach ein, zwei Tage liegen zu lassen, wurde er gleich nach dem Spannen beschichtet. In der Zeit danach (also in Horst Hartungs Werkstatt) schrumpfte der neue, zur Bootshaut gemachte Stoff wieder zusammen. Als Abhilfe spannte Horst Hartung den Stoff mittels einer stabilen Leiter selbst, oder er schnitt den Steven entsprechend zu.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Weitere Kontakte zu Faltbootbauern hatte Horst Hartung kaum, weil diese Wanderboote bauten, w\u00e4hrend er solche f\u00fcr den Leistungssport herstellte. Mit dem Leipziger Faltbootbauer Thiele, der, im Krieg ausgebombt, sp\u00e4ter &#8222;nie wieder richtig auf die Beine kam&#8220;, gab es keine Zusammenarbeit. Auch mit der Sonneberger Firma Pax nicht. Nach Horst Hartung beruhen Pax-Boote auf LFB-Modellen, die in der Zeit des Nachkriegsmangels 1951-55 im Sonneberger Spielzeugwerk nachgebaut wurden. Die Firma, handwerklich erfahren, &#8222;baute so viele Boote, dass mit einem mal der ganze Bedarf gedeckt war&#8220;. Damit kam schnell das Ende von &#8222;Pax&#8220;.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Horst Hartung baute auch <strong>Eskimokajaks<\/strong>, aber nicht viele, nach seiner Meinung zwei oder drei Boote (Steffen Kiesner-Barth gab 2012 in einer Diskussion des Faltbootforums die Zahl von 10-12 produzierten Hartung-Eskis an). Horst Hartung selbst gab 2009 nach einem weiteren Beitrag im Faltbootforum an, die Boote nur im n\u00e4heren Umfeld von Halle\/Leipzig verkauft zu haben; ob jemand noch einen Hartung-Eski hat, wei\u00df er nicht. Mit einem solchen Eski fuhr Horst Hartung auch die Bode (vor der Sperrung einer der schwierigsten Fl\u00fcsse der DDR), wobei er im (nicht einsehbaren) Bodekessel kenterte. &#8222;In einem bestimmten Alter hat man eine Macke im Kopf.&#8220;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch wenn ein Bild der &#8222;Faltbootdatenbank&#8220; etwas anderes behauptet, besteht Horst Hartung darauf, seine Teile nie gestempelt zu haben; seine Boote hatten ein Siebdruck-Logo auf dem Verdeck. Die von KTW und Pouch verwendeten Siebdruckschablonen kennt Horst Hartung nicht. Seine eigene Schablone lag nach Einstellung der Produktion noch viele Jahre in der Werkstatt herum. (Reliquiensammler, m\u00fcht euch nicht: das ist lange her.)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_102\" style=\"width: 1290px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-102\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-102 size-full\" src=\"http:\/\/freunde-historischer-faltboote.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Hartung_2014_03-2.jpg\" alt=\"\" width=\"1280\" height=\"853\" srcset=\"https:\/\/freunde-historischer-faltboote.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Hartung_2014_03-2.jpg 1280w, https:\/\/freunde-historischer-faltboote.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Hartung_2014_03-2-300x200.jpg 300w, https:\/\/freunde-historischer-faltboote.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Hartung_2014_03-2-768x512.jpg 768w, https:\/\/freunde-historischer-faltboote.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Hartung_2014_03-2-1024x682.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 1280px) 100vw, 1280px\" \/><p id=\"caption-attachment-102\" class=\"wp-caption-text\">Horst Hartung im Oktober 2014<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu heute, wo viele Teile von au\u00dfen zugeliefert werden, gab es bei HSF keine Fremdfertigung, alle Bootsteile entstanden in der Firma. So pr\u00e4gte und stanzte Horst Hartung auch die ben\u00f6tigten Metallteile (Zungen, Drehbeschl\u00e4ge usw.) selbst. Als Handwerker baute er &#8222;alles durcheinander&#8220;, was gerade gebraucht wurde. Horst Hartung fertigte nach Kundenwunsch, je nachdem, wer kam und was er verlangte. Die einzelnen Boote nennt er noch heute &#8222;Versuche&#8220;: es kam zu kleinen Ver\u00e4nderungen von Boot zu Boot, mal so, mal so. &#8222;Ich h\u00e4tte doch nicht die Faltboote gemacht, wenn ich nicht die M\u00f6glichkeit gehabt h\u00e4tte, hin und her zu denken!&#8220; (Die Seriennummern der Bootstypen sind \u00fcbrigens keine L\u00e4ngen- und Breitenangaben, sondern meinen den Jahrgang, in dem das Boot gebaut wurde.) Da Horst Hartung seine Boote erkennt (echte &#8222;Hartungs&#8220; haben z. B. kaum Metallbeschl\u00e4ge am Ger\u00fcst), wies er schon einige Exemplare zur\u00fcck: &#8222;Das habe ich nicht gebaut.&#8220; Bei unserem Besuch wurde ihm z. B. vom stolzen Eigent\u00fcmer ein &#8222;Hartung&#8220; vorgelegt, dessen Ger\u00fcst, vollst\u00e4ndig aus Aluminium gefertigt, in einer Hartung-Haut steckte. Kommentar Horst Hartungs: &#8222;Ein hervorragender Nachbau!&#8220;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_106\" style=\"width: 1290px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-106\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-106 size-full\" src=\"http:\/\/freunde-historischer-faltboote.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Hartung_2014_07-2.jpg\" alt=\"\" width=\"1280\" height=\"853\" srcset=\"https:\/\/freunde-historischer-faltboote.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Hartung_2014_07-2.jpg 1280w, https:\/\/freunde-historischer-faltboote.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Hartung_2014_07-2-300x200.jpg 300w, https:\/\/freunde-historischer-faltboote.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Hartung_2014_07-2-768x512.jpg 768w, https:\/\/freunde-historischer-faltboote.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Hartung_2014_07-2-1024x682.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 1280px) 100vw, 1280px\" \/><p id=\"caption-attachment-106\" class=\"wp-caption-text\">&#8222;Ein hervorragender Nachbau&#8220;&#8230;<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Seit der Gr\u00fcndung des in Berlin ans\u00e4ssigen <strong>&#8222;Instituts f\u00fcr Forschung und Entwicklung von Sportger\u00e4ten&#8220;<\/strong> (FES) 1962 arbeitete Horst Hartung mit dem Institut zusammen. Dort vorbereitete Entwicklungen wurden im Betrieb von Horst Hartung umgesetzt und zur Produktionsreife gebracht. &#8222;Er betonte immer wieder, dass die Staatsf\u00fchrung der DDR, der er selbst (als Kapitalist im sozialistischen Staat) nicht gerade freundlich gesonnen war (und umgekehrt nat\u00fcrlich), immer sehr viel f\u00fcr den Sport \u00fcbrig hatte und somit im Sport vieles an Entwicklung m\u00f6glich wurde.&#8220; (Zitat: Horst-Hartung-Biographie des B\u00f6llberger Sportvereins Halle\/Saale).<\/p>\n<p>Die manchmal ge\u00e4u\u00dferte Kritik an HSF-Booten bezog sich neben den Fahreigenschaften auf den komplizierten Auf- und Abbau. &#8222;Wenn man das als Sportler f\u00e4hrt, muss man ein dickes Fell haben&#8220;, sagt Horst Hartung selbst. Hartung-Boote sind nicht als Wandereiner, sondern als Sportger\u00e4te entwickelt worden. Horst Hartung fuhr selbst in ihnen jahrelang Kleinfl\u00fcsse in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Th\u00fcringen, auch solche, die lange schon gesperrt sind, wie die Bode. Mit seinen Booten fuhr er bis WW III (&#8222;Hast ja weiter nichts im Fr\u00fchjahr&#8220;).<\/p>\n<p>F\u00fcr die Transportfrage fanden die Vereine eine L\u00f6sung. Zu Wettbewerben wurden Boote und Mannschaften mit dem Zug zum Wettbewerbsort gefahren. Da es in Halle einen Postsportverein gab, waren Beziehungen zur Reichsbahn gegeben &#8211; und die Boote fuhren im Postwagen mit; bis zu 20 Mann reisten so zum Wettbewerbsort an. Erst als sp\u00e4ter die Bootsanh\u00e4nger f\u00fcrs Auto aufkamen, gingen die Vereine zu dieser M\u00f6glichkeit des Transports \u00fcber.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_100\" style=\"width: 1290px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-100\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-100\" src=\"http:\/\/freunde-historischer-faltboote.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Hartung_2014_01-3.jpg\" alt=\"\" width=\"1280\" height=\"853\" srcset=\"https:\/\/freunde-historischer-faltboote.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Hartung_2014_01-3.jpg 1280w, https:\/\/freunde-historischer-faltboote.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Hartung_2014_01-3-300x200.jpg 300w, https:\/\/freunde-historischer-faltboote.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Hartung_2014_01-3-768x512.jpg 768w, https:\/\/freunde-historischer-faltboote.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Hartung_2014_01-3-1024x682.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 1280px) 100vw, 1280px\" \/><p id=\"caption-attachment-100\" class=\"wp-caption-text\">Jochen F\u00f6rster (rechts) schenkt dem Verein seinen Horst Hartung Slalom 58<\/p><\/div>\n<p><strong>Paddeln im Kaukasus<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Horst Hartung geh\u00f6rte zu den Paddlergruppen, die Anfang der 60er Jahre die Wildwasserfl\u00fcsse am Nordhang des Kaukasus erkunden durften (im Austausch daf\u00fcr kamen Kiewer Studenten zum Paddeln auf die Saale). Zweimal fuhr er den im Nordkaukasus flie\u00dfenden Terek und den auf der S\u00fcdseite durch Georgien flie\u00dfenden Rioni, das erste mal 1963 in einem neuen Einerfaltboot, das zweitemal im Jahr darauf zusammen mit seiner Frau im Zweier.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dass die Gruppen \u00fcberhaupt fahren durften, beruht neben der g\u00fcnstigen Konstellation der &#8222;Tauwetter&#8220;-Periode auf dem Austausch der Hochschule Kiew mit der DDR, wahrscheinlich von Otto Rauchheld angesto\u00dfen, der in Kiew studiert hatte. Ein Teilnehmer zahlte 300 Mark.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Paddler erhielten auf der ersten Tour einen &#8222;Aufpasser&#8220; namens Kostja. Er legte die Regeln fest, nach denen verfahren werden sollte, und stie\u00df damit mehrfach auf die Verwunderung der urlaubs-erfahrenen Deutschen. Zum Beispiel gab er die Parole aus, stets viel Salz zu essen. Also mussten in jeden Wassereimer, der \u00fcberm Feuer kochte, zwei bis drei Essl\u00f6ffel Salz gesch\u00fcttet werden. War ein gemeinsamer Einkauf von Proviant f\u00fcr, sagen wir, drei Tage erledigt, so wurde das Essen nicht gleichm\u00e4\u00dfig auf die Boote verteilt: ein Boot hatte den ganzen Mannschaftsproviant f\u00fcr einen Tag zu laden, ein anderes den f\u00fcr den zweiten Tag und so fort.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u00dcber beide Fahrten haben Walter Pretzsch 1965 und Heinz Schaefer 1967 im DDR-&#8222;Kanusport&#8220; ausf\u00fchrlich berichtet. Spricht man mit Teilnehmern von damals, gewinnt man den Eindruck, dass die Expeditionen in ihrem Leben ein Markstein waren: keiner von ihnen war je vorher dort gewesen; dazu verliefen beide Fahrten jenseits touristisch erschlossener Gebiete. Die Russen in den D\u00f6rfern (die es, unabh\u00e4ngig von den sonst noch dort lebenden V\u00f6lkern, in jedem Tal ein anderes, bis hinein nach Tiflis gab) waren ausgesprochen gastfreundlich. Horst Hartung war von der unber\u00fchrten Natur begeistert, und zugleich ersch\u00fcttert \u00fcber das fehlende Umweltbewusstsein der Bewohner. Wie erledigt man einen russischen \u00d6lwechsel? Man f\u00e4hrt auf eine Sandbank, legt sich unters Auto und schraubt. &#8222;Aber im Kolchos, mit 20, 30 Lastern!&#8220; Auch die materielle Lage war ersch\u00fctternd. Vorausahnend hatten die Paddler Ersatzteile wie Blech, Beschl\u00e4ge und Nieten mitgenommen, aber, um Gewicht zu sparen, weder Hammer noch Kneifzange, weil sie das Vorhandensein von Werkzeugen einfach voraussetzten. Wer beschreibt das Erstaunen, als sie, bei einem russischen Austauschstudenten zu Gast, nirgendwo Werkzeug auftreiben konnten! Wie bekommt man nun ohne Zange einen Alu-Niet ab? (Die L\u00f6sung wird nicht verraten&#8230;) Die herrschende Armut (die in den &#8222;Kanusport&#8220;-Berichten nur notd\u00fcrftig kaschiert wird) war so gar nicht mit dem in der DDR vermittelten Bild der Sowjetunion in Einklang zu bringen: noch vier Jahrzehnte sp\u00e4ter sieht Horst Hartung einen Kriegsversehrten ohne Beine vor sich, der auf einem Brett mit drei Kugellagern auf der Stra\u00dfe rollerte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch die Aversionen zwischen den einzelnen V\u00f6lkern erfuhren die Deutschen. Wenn sie auf dem Markt einkaufen gingen, verkauften ihnen die tschetschenischen H\u00e4ndler, an die Kugeln klopfend, die guten Melonen. Kostja, ihr russischer Begleiter, bekam dagegen schlechte angedreht. In Mineralnyje Wody wurde die Gruppe in einem Schnellrestaurant angesprochen: &#8222;Du Nemetzki? Gutt! Stalin Schai\u00dfe!!&#8220; \u2013 &#8222;Mir wurde himmelangst!&#8220; sagt Horst Hartung noch heute&#8230;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Damit seine Frau im Kaukasus nicht auch einen Einer fahren musste, baute Horst Hartung f\u00fcr die zweite Expedition 1964 den &#8222;<strong>Hartung-Zweier<\/strong>&#8222;. Es sollte seine einzige Fahrt in einem Zweier werden. Das &#8222;Erstexemplar&#8220; verschenkten die beiden noch im Kaukasus &#8211; es war zu schwer und zu sperrig f\u00fcr die R\u00fcckfahrt. Vom Hartung-Zweier sind nur etwa 50 St\u00fcck produziert worden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_104\" style=\"width: 1290px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-104\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-104 size-full\" src=\"http:\/\/freunde-historischer-faltboote.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Hartung_2014_05-2.jpg\" alt=\"\" width=\"1280\" height=\"853\" srcset=\"https:\/\/freunde-historischer-faltboote.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Hartung_2014_05-2.jpg 1280w, https:\/\/freunde-historischer-faltboote.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Hartung_2014_05-2-300x200.jpg 300w, https:\/\/freunde-historischer-faltboote.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Hartung_2014_05-2-768x512.jpg 768w, https:\/\/freunde-historischer-faltboote.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Hartung_2014_05-2-1024x682.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 1280px) 100vw, 1280px\" \/><p id=\"caption-attachment-104\" class=\"wp-caption-text\">Hartung mit dem Ger\u00fcst eines Hartung Zweiers, einem in nur wenigen Exemplaren gebauten Boot.<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die zweite Kaukasusfahrt verlief anstrengender, weil die Teilnehmer nicht zusammenpassten. &#8222;Die Chemie stimmte nicht.&#8220; Es wird berichtet, dass Rudi Landgraf nach Erreichen des Bahnhofs Halle\/Saale wortlos und ohne Abschied aus der Gruppe verschwand &#8211; die Reibereien hatten an den Nerven aller gezerrt. Dennoch erinnern sich alte Teilnehmer noch heute detailliert an diese Fahrten: sie sollten einmalig bleiben. Trotz mehrfacher Versuche bekam sp\u00e4ter nie wieder eine DDR-Gruppe die M\u00f6glichkeit, im entlegenen Kaukasus zu paddeln.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>VEB Spezialbootsbau<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>1972 wurde Horst Hartungs Bootsbaufirma HSF verstaatlicht. Das geschah in der Weise, dass am 6. Dezember 1971 ein Funktion\u00e4r in Horst Hartungs Werkstatt trat und ihm verk\u00fcndete, dass sein Betrieb am 1. Januar 1972 volkseigen werde. Offiziell &#8222;kaufte&#8220; der Staat den Betrieb &#8222;auf&#8220;: aus &#8222;Halle\/Saale Faltbootbau&#8220; (HSF) wurde\u00a0 der &#8222;VEB Spezialbootsbau&#8220; (VEB SBB). Horst Hartung blieb noch bis 1978 Direktor, bis er den Chefposten an seinen Werkstattleiter Jochen F\u00f6rster \u00fcbergab. Horst Hartung sah sich als Handwerker, der die anschwellenden b\u00fcrokratischen und ideologischen Hemmnisse gesundheitlich nicht mehr aushielt. Zum Beispiel waren s\u00e4mtliche Produktionsmittel nicht frei zu kaufen, sondern mussten (im Interesse der Planbarkeit der Wirtschaft) beantragt werden. Da Werkzeuge immer knapp waren und Betriebe mit Produktion f\u00fcrs Milit\u00e4r bevorzugt beliefert wurden, gingen insgesamt nur ca. 35 % solcher Antr\u00e4ge durch. Folgerichtig beantragte ein Antragsteller seine Dinge j\u00e4hrlich immer wieder, und auch viel mehr Waren, als er brauchte, in der Hoffnung, wenigstens die n\u00f6tigsten Mittel bewilligt zu bekommen. Es kam vor, dass der Antragsteller die doppelte Menge der ben\u00f6tigten Mittel aufschrieb, kalkulierend, dass ohnehin nur die H\u00e4lfte geliefert werden w\u00fcrde \u2013 und &#8220;diese&#8220; Lieferung kam dann in voller St\u00fcckzahl!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Horst Hartung beantragte also eines Tages Scheren zum Glasschneiden (f\u00fcr die Glasfasermatten der GFK-Boote). Als Antwort bekam er: &#8222;Ach Quatsch!&#8220; Also stellte er den Antrag j\u00e4hrlich neu, schlie\u00dflich mit Dringlichkeit. Als Begr\u00fcndung gab er an, dass er schlie\u00dflich auch f\u00fcr Milit\u00e4rzwecke produziere. Und das war nicht gelogen, bildeten ja die dem Armeesportclub (ASK &#8222;Vorw\u00e4rts&#8220;) unterstellten Kanu-Leistungssportabteilungen den Hauptabnehmer seiner Boote! &#8222;Wieviel Prozent der Produktion macht denn der Milit\u00e4rbereich bei Ihnen aus?&#8220; wurde er gefragt. &#8222;37 Prozent!&#8220; antwortete Horst Hartung wahrheitsgem\u00e4\u00df. Nun wurde der Antrag genehmigt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach 1978 bekam sein Nachfolger Jochen F\u00f6rster pl\u00f6tzlich die gesammelten Kisten der Bestellungen der letzten f\u00fcnf Jahre geliefert, in Form von vielen, vielen Scheren! Alle m\u00f6glichen Arten von Scheren lagen in den Kisten: Zackenscheren, Teppichscheren \u2013 nur keine Glasscheren, die eigentlich gebraucht wurden. Da die Lieferung aber bezahlt werden musste, lief Jochen F\u00f6rster die umliegenden Fabriken ab: &#8222;Wer von euch braucht Scheren?&#8220; Noch heute hat er Scheren aus dieser Lieferung in der Werkstatt zu liegen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf die Ertr\u00e4ge der volkseigenen Firma musste Horst Hartung einen Steuersatz von 65 % entrichten. Der Rest des Gewinns floss auf ein (zinsloses) Sperrkonto, von dem ihm j\u00e4hrlich 3000 Mark zugeteilt wurden. Die Entwicklung neuer Boote wurde im Sozialismus nicht als Leistung anerkannt, &#8222;das galt als selbstverst\u00e4ndlich&#8220;. Ein weiterer Grund, den Direktorenposten abzugeben. Im sozialistischen Wirtschaftssystem aber konnte Horst Hartung nicht einfach zur\u00fccktreten; seine K\u00fcndigung aus gesundheitlichen Gr\u00fcnden (er hatte Herzschmerzen) wurde von der Handwerkskammer nicht angenommen. Also trank er auf der n\u00e4chsten Weihnachtsfeier demonstrativ weder Alkohol noch Kaffee, sondern nur Wasser, so dass allen anschaulich war: der Mann muss wirklich krank sein! Da klappte die Entlassung dann. Allerdings mit der Auflage, f\u00fcr die weitere Existenz als Handwerker keine Arbeiter aus seinem (nun volkseigenen) Betrieb &#8222;abzuziehen&#8220;.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zwischen 1968 und dem Ende des Betriebes 1991 wurden bei HSF bzw. im VEB SBB ausschlie\u00dflich GFK-Boote produziert. Der Staat gab nicht die Zahl der verkauften Boote, sondern den zu erzielenden Umsatz als Planvorgabe vor. HSF hatte, wie oben beschrieben, Faltboote f\u00fcr 485 DDR-Mark verkauft. Der Preis f\u00fcr GFK-Boote musste auf \u00fcber 900 Mark aufgestockt werden, weil der Staat nun von jedem verkauften Boot 300 M &#8222;Produktgebundene Abgabe&#8220; (PA), so etwas wie die bundesdeutsche Umsatzsteuer, verlangte. (Und weil es nach staatlicher Meinung nicht anging, zwei Boote zu verschiedenen Preisen zu verkaufen, gab es auch einen Aufschlag auf die letzten &#8222;Hartungs&#8220;.) Da die Boote in der DDR aber nur an Vereine verkauft wurden, die auch Leistungssport betrieben und eine entsprechend gute finanzielle Ausstattung hatten, herrschte beim Vertrieb eine &#8222;entspannte Lage&#8220;. Der Sportverein, in der Horst Hartung Mitglied war, der heutige B\u00f6llberger Sportverein Halle\/Saale, stellte bei Wettk\u00e4mpfen immer eine der besten Mannschaften, weil er die besten Boote hatte. Insgesamt haben Hartung-Boote 49 Weltmeistertitel sowie 3 Goldmedaillen bei den Olympischen Spielen 1972 in M\u00fcnchen\/Augsburg f\u00fcr die DDR errungen!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nachdem er als Direktor seinen Abschied genommen hatte, baute Horst Hartung, nun 50j\u00e4hrig, als selbst\u00e4ndiger Handwerker Polyesterboote und stieg dabei aufs Segeln um. Er entwickelte ein Segelboot mit GFK-Rumpf, das leicht genug war, um von einem &#8222;Wartburg&#8220; gezogen werden zu k\u00f6nnen. Von diesen fertigte er ein bis zwei St\u00fcck pro Jahr, die im engsten Kreis (Segelclub) &#8222;unter der Hand&#8220; verkauft wurden. Es ist ihm aber nicht bekannt, ob eins der Boote noch existiert. Au\u00dferdem reparierte Horst Hartung bis etwa 2010 f\u00fcr Sportgemeinschaften und Privatkunden Boote auf GFK-Basis.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Seit er Segelboote baute, hat Horst Hartung keine Beziehung zu Faltbooten mehr. So kommt es, dass Faltboote nur einen kleinen (wenn auch wichtigen) Teil von Horst Hartungs Schaffen ausmachen. Heute w\u00fcrde er kein eigenes Boot mehr bauen wollen: alle Risse und der Bau von Kanu-Rennsport-Booten erfolgen beim Institut f\u00fcr Forschung und Entwicklung von Sportger\u00e4ten in Berlin. &#8222;Boote sind heute nur Massenware&#8220;.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Horst Hartung am Ende: &#8222;Ich hatte ein gl\u00fcckliches Leben &#8211; ich habe immer machen k\u00f6nnen, was ich wollte.&#8220;<\/p>\n<p>Text: Gernot N\u00e4ser<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>HORST\u00a0 HARTUNG\u00a0 &#8211;\u00a0 EIN\u00a0 LEBEN\u00a0 F\u00dcR\u00a0 DEN\u00a0 BOOTSBAU &nbsp; Die &#8222;Freunde historischer Faltboote e. V.&#8220; besuchten am 5. Oktober 2014 den 87-j\u00e4hrigen Horst Hartung, Jahrgang 1927. Er ist einer der letzten deutschen (Falt)Bootbauer, dessen Arbeiten Ma\u00dfst\u00e4be im Bootsbau gesetzt haben. Horst Hartung ist geistig und k\u00f6rperlich jung geblieben. 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